Civicracy FAQ: Häufig gestellte Fragen

Fragen zur Funktion des Systems

Wer wird gewählt und wer entscheidet?

In Civicracy ist es einem Teilnehmer möglich, jedem anderen Teilnehmer seine Vertrauensstimme zu geben. Hierdurch erfolgt die Delegation der eigenen Stimme sowie der eventuell selbst erhaltenen Verantwortung zur gewählten Person. Es bildet sich eine "Struktur des Vertrauens" welche dazu dient, einen repräsentativen Rat zu bestimmen. Der Rat setzt sich fließend aus jenen Teilnehmern zusammen, welche ein Mindestmaß an übertragener Verantwortung tragen und repräsentiert einen sehr großen Teil der Gruppe.

Wie funktioniert der Rat, und wie komme ich in den Rat?

Jene Teilnehmer der Civicracy, welche eine bestimmte Menge an übertragenen Vertrauensstimmen überschreiten, sollten ihrer Verantwortung gerecht werden und im Rat ihre Vertrauenden repräsentieren. Sobald jemand die Voraussetzung zur Berufung in den Rat erfüllt, wird eine Nachricht von unserem Civicracy-System an diese Teilnehmer geschickt, oder eine neue Funktion auf dem persönlichen Profil zeigt die Berufung in den Rat an.

Mit der Übertragung der eigenen Vertrauensstimme auf sich selbst (und einer anständigen Begründung warum man sich für die bevorstehenden Aufgaben bereit fühlt) signalisiert man die eigene Bereitschaft, der übertragenen Verantwortung auch mit Taten gerecht zu werden, und kann in den Rat berufen werden.

Alle Rats-Mitglieder sollten bei Abstimmungen oder Diskussionen gleichberechtigt sein.

Auch für Mitglieder des Rates ist Transparenz und Berichterstattung ein wichtiges Instrument um das erhaltene Vertrauen zu rechtfertigen.

Ratsmitglieder, welche durch Verlust ihrer Verantwortung aus dem Rat fallen würden, können für eine konfigurierbare Schon-Frist (von z.B. 2 Wochen) weiterhin Teil des Rates sein.

Anmerkung: Die Höhe der nötigen Verantwortung (also der gesammelten und übertragenen Vertrauensstimmen), um in den Rat zu kommen, stellt der Administrator des jeweiligen Civis ein. Wir behalten uns vor, diese Schwelle während des Testlaufes je nach Stimmverteilung anzupassen. Theoretische Überlegungen und Computersimulationen ergeben aus, dass der Rat aus ca. 1 % der Gesamtgruppe bestehen wird und eine Repräsentation der Gruppe von ca. 70 % haben wird.

Wie oft kann ich wählen, und was ist eine Nachhaltigkeits-Zeit?

In Civicracy kann man jeden Tag wählen, so man nur die Verantwortung für sich selbst trägt – Es gibt keinen bestimmten Wahltag!

Eine gewisse Stabilität des Rates ist jedoch Voraussetzung dafür, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und Projekte sinnvoll umzusetzen. Um die Stabilität des Systems zu erreichen wurde in Civicracy das Element der Nachhaltigkeits-Zeit (engl. "sustain time") eingeführt. Diese, steigend mit der Verantwortung individuell berechnete, Zeit soll dem Nutzer anzeigen wie lange die Abgabe der Vertrauensstimme nicht mehr geändert werden kann. Sie gibt somit die Mindestzeit der Gültigkeit einer Entscheidung an, also die Nachhaltigkeit einer Stimmabgabe.

Anmerkung: Die maximale Nachhaltigkeits-Zeit ergibt sich für die Ratsmitglieder und ist in der zu testenden Konfiguration zirka ein Viertel der gewünschten üblichen Dauer einer "Legislatur-Periode".

Sieht man den Verlauf der eigenen Stimme?

Ja, man kann sowohl den Verlauf der eigenen Stimme als auch die Begründungen der direkt oder indirekt gewählten einzelnen Teilnehmer auf der eigenen Profilseite einsehen.

Kann ich mich selbst wählen?

Sollte jemand der Meinung sein selbst die Dinge am besten in die Hand nehmen zu können so kann man die eigene Vertrauensstimme auf sich selbst referenzieren (die Funktion dazu heißt "Ich möchte in den Rat"). Ein plausible Erklärung und Darlegung dieser Entscheidung hilft vielleicht zur Berufung in den Rat.

Kann ich sehen, wer mich gewählt hat?

Die Anzeige der Verantwortung im persönlichen Profil zeigt die Summe der direkt erhaltenen und übertragenen Stimmen auf die eigene Person an. Bei der Abgabe der eigenen Vertrauensstimme trägt man die Verantwortung für die angezeigte Anzahl an Personen.

Derzeit haben wir keine Funktion implementiert, die explizit die eigenen Vertrauenden sichtbar macht. (Wir denken, dass dies aus gruppendynamischer Sicht besser so ist, und auch die Erfolgskontrolle eines möglichen Stimmenkaufs ohne diese Einsicht erschwert wird.)

Sieht man, wie viele Stimmen jemand hat?

Für die Funktion von Civicracy ist es für den einzelnen nicht wichtig zu wissen wer genau wie viele Vertrauensstimmen hat, und dies braucht auch gar nicht transparent sein, um jemandem zu vertrauen. Wir sehen ein wenig die Gefahr eines Schafherden-artigen Wahlverhaltens, welches so gut als möglich vermieden werden soll (ähnlich wie "Umfragen" vor Wahlen ja auch starken Einfluss auf punktuelle Entscheidungen nehmen).

Warum muss ich bei meiner Stimmabgabe einen Grund angeben?

Wir finden, dass es grundsätzlich transparent sein sollte wofür eine Person steht. Jeder hat eine Meinung und kann und soll dazu stehen. Um selbst das Vertrauen anderer Wähler zu bekommen, oder bevor man die eigene Vertrauensstimme einer Person weitergibt kann man dessen Begründung, jedoch noch ohne Einsicht in dessen reales Wahlverhalten, erhalten. Die Abgabe einer Begründung ist optional, und ist hilfreich um selbst Vertrauensstimmen zu erhalten. Je plausibler das eigene Urteil kommuniziert wird, desto mehr Vertrauen und damit Verantwortung wird man selbst erhalten.

Wie nutzen Menschen ohne PC oder Internet-Zugang die Civicracy?

Der Zugang zu PCs wird in Zukunft eher mehr denn weniger. Ein Zugang per Smartphone und einer geeigneten "App" kann auch helfen. Bei mobiler Nutzung können Menschen ohne PC auch für ihren Zugang Verwandte oder Bekannte um Unterstützung bitten.

Durch die Möglichkeit jederzeit wählen zu können wird es nicht so wichtig, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt die eigene Vertrauensstimme abzugeben oder zu ändern.

Es könnte natürlich auch Kioske geben, die ähnlich wie Bankfilialen einen klassischen Rahmen bieten um vertrauliche Angelegenheiten zu erledigen.

Was ist wenn man sich nicht mit den Personen beschäftigen will, nicht dauernd wählen will und auch nicht gewählt werden will?

Niemand kann gezwungen werden sich an einem demokratischen Prozess zu beteiligen. Doch jeder hat Freunde oder Bekannte, von denen man weiß, dass sie sich gerne mit bestimmten Themen auseinandersetzen. Hat man zu viele anderweitige Interessen, um aktiv in der Gruppe mitzuwirken, sollte man zumindest einmal die eigene Stimme an diese nahestehenden Personen delegieren, also ihnen das Vertrauen geben, mit einer zusätzlichen Stimme mehr zu entscheiden. Bekommt man dann doch einmal Lust sich aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen so ist dies jederzeit möglich.

Civicracy ist so konzipiert, dass sich die eigene Verantwortung mit der persönlichen Aktivität in der demokratischen Gruppe ändern kann. Bei wenig persönlichem Einsatz und Interesse wird einem auch wenig Vertrauen entgegengebracht werden, und man trägt die Verantwortung nur für sich selbst.

Würden nicht wieder Parteien entstehen?

Was die Gruppendynamik betrifft, haben wir bisher keine Erfahrungen. Es kann sein, dass sich Interessensblöcke ausbilden. Wir nehmen jedoch an, dass sich durch die Vielfalt an Problemen, Lösungsansätzen und der Meinungen dazu die Abgrenzungen, die eine klassische Parteilandschaft notwendig hat, auflösen werden.

Kann ich meine Stimmen aufteilen?

Zur Einfachheit ist Civicracy derzeit so konzipiert, dass jeder Teilnehmer nur eine unteilbare Stimme einer beliebigen Person in der Gruppe geben kann. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Klarheit der Darstellung des persönlichen Stimmverlaufes nötig. Für zukünftige Modifikationen oder Civi-interne Umfragen und Abstimmungen kann dies jedoch möglich werden.

Können sich Schleifen in der Vertrauensstruktur bilden?

Natürlich kann es passieren, dass sich Teilnehmer untereinander das Vertrauen so geben, dass es zu Zirkular-Verweisen kommt. Nach einem in Civicracy definierten Verfahren werden nach und nach die Teilnehmer aus der Schleife benachrichtigt. Es wird ihnen jeweils für einen kurzen Zeitraum ermöglicht, ohne Einfluss ihrer persönlichen Nachhaltigkeits-Zeit jemanden außerhalb der Schleife in Vertretung aller übertragenen Stimmen zu wählen. Dadurch sollte sich die Schleife schnell auflösen.

Fragen hinsichtlich Sicherheit und Stabilität

Inwieweit ist die Wahl geheim?

Es steht jedem Nutzer offen, einen Grund für die eigene Entscheidung anzugeben, oder die Einsicht in die persönliche Entscheidung zu erlauben. Nachdem Transparenz ein wichtiges Instrument ist um Vertrauen zu gewinnen, werden geheime Wähler eher weniger Verantwortung übertragen bekommen. Will jemand eine einflussreichere Rolle in der demokratischen Struktur einnehmen so wird es wichtig sein, die eigene Meinung kundzutun und dazu zu stehen.

Gibt es Kontrollmechanismen im System?

Jeder Teilnehmer kann einsehen wie die eine Stimme weitergegeben wird, und den Verlauf auch zeitlich zurückverfolgen. Hat man den Eindruck, dass die gewählte Person das eigene Vertrauen nicht im gedachten Sinne handhabt, so kann die Vertrauensstimme mit Bedacht auf die Nachhaltigkeits-Zeit anderweitig vergeben werden.

Die Werte und das System werden somit von außen ständig kontrolliert.

Wie schützt das System vor Korruption?

Offenheit, Transparenz und Kompetenz sind wichtige Faktoren um jemandem zu vertrauen. Das System kontrolliert sich intern ständig von selbst. Teilnehmer mit hoher Verantwortung haben, auch wenn sie nicht im Rat sind, die Aufgabe, jenen Teilnehmer, dem sie ein großes Maß an Verantwortung übertragen, genau zu beobachten.

Was passiert bei Stimmenkauf?

Es wird vorkommen, dass sich Teilnehmer darin versuchen werden Stimmen zu erkaufen. Im persönlichen Profil ist aber vorerst nicht einsehbar von wem die erhaltenen Vertrauensstimmen kommen. Nachdem aber ständig die Möglichkeit besteht zu wählen lässt sich ein "erfolgreicher" Kauf einer Stimme nicht lange halten.

Sicherheit, Hacken? Datenschutz?

Trotz einiger Sicherheitsmaßnahmen besteht immer ein Restrisiko für Manipulationen an der Datenbank, Account-Hacking, DNS-Attacken oder ähnlichem. Wir testen hier einen Prototyp eines völlig neuartigen Demokratie-Systems (Das ist revolutionär genug!) und bitten darum diesen Verlockungen nicht nachzukommen! Danke! Entsprechende Hinweise nehmen wir jedoch gerne entgegen.

Fragen zur Demokratieforschung und zum Arbeitskreis

Wer seid ihr und warum macht ihr das?

Die Plattform Demokratieforschung.at versucht das politische Interesse in der Bevölkerung Österreichs wiederherzustellen. Das Ziel ist es, die essenziellen Themen in Österreich offen zu diskutieren und kluge Konzepte für die Zukunft der Politik in Österreich zu erarbeiten.

Die Idee von Civicracy bildete den Ausgangspunkt des Arbeitskreises "DemokratieSimulation" und sollte im Rahmen von mehreren Meetings weiterentwickelt, und deren mögliche Funktion in Computersimulationen getestet werden.

Wir sind eine kleine, unabhängige aber politisch interessierte Gruppe von Studenten und haben uns das Ziel gesetzt, das System umzusetzen und in Realität zu testen. Wir kommen aus Bereichen der Elektrotechnik, Architektur, Politikwissenschaften, Wirtschaft, Informatik, Physik... Uns treibt die Neugierde!

Werdet ihr (Arbeitsgruppe Demokratieforschung) eine Partei gründen?

Nein.